Moin!
Schon mal gefragt, wie es am Ende der Welt aussieht?
Nun, diese Frage stellten sich womöglich einige Mönche im 5. Jahrhundert, als sie an die Westküste der irischen Insel zogen. Sie suchten die Abgeschiedenheit, das simple, zurückgezogene Leben, um sich so auf die Nähe zu Gott zu fokussieren. Und sie nahmen an, dass dies dort am besten gelingt, wo die Welt zu Ende ist. Mit nichts als dem großen Meer, soweit das Auge reicht. Aber halt, nicht ganz. Zwei kleine Inseln, mehr Fels als Land, ragen in der Ferne aus dem Wasser. Wie die Zähne eines riesigen Ungetüms. Hey, dachten sich die Mönche, das ist der perfekte Ort für ein Leben im Dienste Gottes. Abgeschiedener geht’s nicht mehr.

Diese beiden Inseln sind heute als die Skellig Islands bekannt. Auf der größeren, Skellig Michael, sind die Spuren der Mönche, die hier vor knapp 1500 Jahren freiwillig ein Leben voller Entbehrungen führten, nicht zu übersehen. Einfache in den schroffen Fels gehauene Stufen führen halsbrecherisch den steilen Abhang hinauf bis auf die Spitze. Dort befand sich die Hauptsiedlung: viele kleine kuppelförmige Behausungen, zusammengebaut aus allem, was die Insel zu bieten hatte. Noch weiter den Berg hinauf sogar ein paar weitere Steinhütten; hier allein hinaufzusteigen kann man schon als lebensmüde bezeichnen. Die unbarmherzige Witterung der See tat ihr Übriges, um das Leben vor Ort nicht gerade in einen Wellnessurlaub zu verwandeln. Zu allem Überfluss waren die Mönche nicht komplett ungestört: hier und dann kamen Wikinger vorbei, um etwas unfreundlich Hallo zu sagen. Und dennoch blieben die Mönche; Hunderte von Jahren fristeten sie ihr Einsiedler-Dasein. Zusammen mit einer unfassbaren Anzahl und Vielfalt an Seevögeln.

Heute lässt sich deren Domizil nach einer Bootsüberfahrt besichtigen, ja, wenn denn das Wetter mitspielt. Ist der Wind zu stark, ist der Wellengang zu heftig, ist eine Landung am großen Felsen nicht gefahrenfrei möglich. Es ist ein bisschen Glücksspiel. Im Internet findet man die Aussage, dass die Wahrscheinlichkeit bei 50:50 steht, dass die Tour überhaupt stattfindet. Sag mir nie, wie die Chancen stehen, dachte ich mir, und buchte ein Ticket für Ende August. Einer der letzten freien Plätze fürs Jahr. Alles auf eine Karte. Los geht’s mit dem Zug nach Killarney im wunderschönen County Kerry, Übernachtung im Hostel, am nächsten Tag weiter mit dem Bus. Kleiner Haken: Der Bus fährt nur bis Cahersiveen; ich musste jedoch nach Portmagee. Und auf das einzige Shuttle, das die beiden Orte pro Tag miteinander verbindet, hätte ich noch mehrere Stunden warten müssen. Ein regnerischer Morgen hatte sich in einen sonnigen Mittag verwandelt. Also, frei nach dem Motto “Der Fußbus fährt immer”, hab ich die Beine in die Hand genommen. Eine sehr spannende Angelegenheit auf Landstraßen ohne Fußgängerweg zu laufen. Wie ich später von einem Anhalter freundlicherweise darauf hingewiesen wurde, sollte man trotz Linksverkehrs auf der rechten Seite gehen; das ist wohl sicherer.

Nachdem ich Cahersiveen verlassen hatte, ging es erstmal mit der Autofähre nach Valentia Island. Die einzigen beiden Ortschaften dort heißen Knightstown und Chapeltown. Und im Norden der Insel können Fußabdrücke von urzeitlichen Tripoden begutachtet werden. Neben der Fähre lässt sich Valentia Island über eine Brücke erreichen. Und eben jene startet bzw. endet bei Portmagee. Ein reizendes Fischerdörfchen am Tor zum Atlantik. Hin zum Ende der Welt. Zu den Attraktionen zählt, selbstverständlich, eine 3D-Whisky-Experience. Und eben die Bootstour zu den Skellig-Inseln. Die halbe Miete, die Reise nach Portmagee, war eingefahren, nun war nur noch die Preisfrage, ob es am nächsten Tag auch wirklich hinaus aufs Meer gehen würde. Eine finale Entscheidung wurde seitens der Veranstalter noch nicht versendet; es wurde auf den tagesfrischen Wetterbericht gewartet. Warnungen über hohen Wellengang sind bereits ausgerufen worden. Wir sollten uns daher darauf einstellen, dass die Tour eventuell kurzfristig abgesagt wird. Also blieb nichts übrig, als eine Nacht drüber zu schlafen und zu Poseidon (oder welcher höheren Macht am meisten vertraut) zu beten.

Nach einer sehr regnerischen Nacht hatte ich schlimmste Befürchtungen. Doch wie es so häufig in Irland ist, kann sich das Wetter sehr schnell ändern. Und so grüßte mich nach dem Aufstehen die Morgenröte eines ungetrübten Himmels. Musste jedoch noch nichts bedeuten; der Wind auf hoher See konnte immer noch zu heftig sein. Erster Blick aufs Handy: keine neue Nachricht. Ok, dann also erstmal duschen und bereit für den Tag machen. Nächster Blick aufs Handy: eine Nachricht von Käptn Casey! Ja, der Wellengang ist echt blöd heute… aber die Tour kann trotzdem wie geplant stattfinden. Ein Freudensprung folgte prompt. Also ab zum Hafen, kurz gefrühstückt, und dann ging es auch schon bald an Bord. Ich habe normalerweise keine Probleme mit Seekrankheit, aber das, was dann folgte, war sehr grenzwertig. Gut, dass ich nur ein sehr bescheidenes Frühstück vorher hatte. Die ersten Kilometer weg vom Festland waren purer Überlebenskampf. Dann wendete das Boot und gab die Sicht auf die kleinere der beiden Skellig-Inseln frei. Und damit auch auf bestimmt tausende von nistenden Wasservögeln. Einigen von ihnen konnten wir bereits während der Fahrt bei ihren Fischfangkünsten bewundern.

Nach kurzer Schleife und unzähligen Videos und Fotoaufnahmen ging es dann weiter zum großen Bruder: Skellig Michael. Es war so ein bisschen, als würde man sich dem Geheimversteck eines Superschurken nähern. Der schroffe zerklüftete Fels wirkte schon etwas bedrohlich. Dabei wohnt hier mittlerweile nur der zurückgezogene Jedi Luke Skywalker (Grüße an alle Star-Wars-Fans! Ja, auch wenn wir lieber nicht über die jüngste Trilogie sprechen). Schon aus weiter Entfernung kann man die Stufen des unfassbar steilen Aufstiegs hin zum alten Kloster erkennen, den die Mönche vor unserer Zeit auf sich nahmen. Für die Besucher aus der Neuzeit wurde ein neuer Weg in den Fels gehauen, deutlich weniger anspruchsvoll. Und dennoch wurde vielerorts darauf hingewiesen, besonnen und langsam zu machen, da es bereits ein paar Unglücksfälle in der Vergangenheit gegeben hatte. Wer möchte bitteschön freiwillig einen so gefährlichen Ort aufsuchen? Wie sich herausstellte, sehr viele Menschen. Unsere Tour musste erstmal den Gegenverkehr abwarten, um sich dann selber die Hunderte von Stufen nach oben zu wagen.

Dort angekommen, hieß es erstmal: hinsetzen, Lauscher auf, Geschichtsstunde! Eine Frau mit einer wunderbar beruhigenden Stimme erzählte die Geschichte von Skellig Michael, die eng mit dem Leben der einsiedlerischen Mönche verbunden ist. Zum Ende hin spulte sie ein wenig vor, denn Regenwolken näherten sich mit unbarmherziger Geschwindigkeit. Aufgrund des Windes hat man so ungefähr 30 Sekunden nach dem Entdecken einer Regenfront Zeit, einen Unterschlupf zu suchen oder eine Regenjacke anzuziehen, dann geht’s los. Nichts so Wildes, wir konnten trotzdem die Erkundung des Gipfels von Skellig Michael und des Mönchdorfes genießen. Und ja, auch der eine oder andere Vogel, inklusive Rapaki, schaute mal vorbei.

Apropos Tierwelt, ein besonderes Highlight hielt die Rückfahrt nach Portmagee in der Hinsicht bereit. Während ich rückwärts zum Steuerhäuschen gerichtet die Impressionen des Tages verarbeitete, bemerkte ich, wie der Rest der Crew zu gestikulieren anfing. Finger zeigten hinaus aufs Meer. Schnell wurde aufgedeckt: direkt neben dem Boot hüpften Delfine aus dem Wasser! Womöglich neugierig zu erfahren, wer da so rumschippert. Das Spektakel hielt ein paar Minuten, inklusive Audiokommentar einer völlig aus dem Häuschen geratenen italienischen Dame. Zurecht, zurecht! Ein einzigartiger Anblick und die Kirsche auf der Trip-ans-Ende-der-Welt-Torte.

Dieser Trip endete dann am nächsten Tag mit der Rückfahrt nach Dublin. Dieses Mal nahm ich morgens den Shuttlebus nach Cahersiveen (getarnt als Touri-Bus), von dort den größeren Bus nach Killarney (teilweise auf dem wunderschönen Ring of Kerry), weiter mit dem Zug nach Mallow, Umstieg hier in den Zug nach Dublin Heuston. Jupp, die Reise hat quasi den ganzen Tag gedauert. Hat sich komplett gelohnt!
