#17: Der heilige Berg

Moin!

Bitte hinsetzen und Gespräche einstellen, es folgt eine kleine Geschichtsstunde. Wir machen eine Zeitreise um etwa 1600 Jahre zurück in die Vergangenheit und landen in der römischen Provinz Britannien. Wir lernen einen 16-jährigen Jungen kennen, Sohn eines römischen Offiziers. Er ist behütet und gut gebildet auf einem Landgut aufgewachsen. Bis eines Tages Plünderer den Ort heimsuchten, den Jungen auf die benachbarte Insel verschleppten und ihn fortan zwangen als Schafshirte seine Tage zu verbringen. Bedrückt durch das fremde Land und das raue Wetter, suchte er Zuflucht in seinem christlichen Glauben. Dieser half ihm dabei, seine Bedingungen zu akzeptieren und mit der Zeit freundete er sich gar mit den Einheimischen an. Eines Tages ereilte ihn im Traum eine Vision: Verlasse die Insel und kehre wieder, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist! Und so schlug sich der mittlerweile junge Mann als Händler verkleidet bis aufs europäische Festland durch, wo er einem Kloster beitrat, um die christlichen Lehren, die ihm während seiner Knechtschaft so gute Dienste geleistet hatten, eingehender zu studieren. Nach einigen Jahren schlug der Blitz ein zweites Mal ein und eine weitere Vision gebot ihm, die Rückkehr auf die Insel anzutreten, mit dem Ziel, die dortige Bevölkerung zu christianisieren. Hierfür reiste er nach Rom, um sich die Erlaubnis des Papstes einzuholen, mit Erfolg. Ausgestattet mit einem höheren Anliegen meisterte er die windige Überfahrt zur Insel, wo er fortan bis zu seinem Lebensende am 17. März 461 als Missionar tätig war. Er predigte, bekehrte, erwirkte das Erbauen von Kirchen, Klöstern und Schulen und veranlasste die Abkehr von mündlichen Überlieferungen hin zu Niederschriften. Er beeinflusste die Entwicklung des Landes und dessen Bevölkerung wie kein Zweiter. Sein Name war Patricius, besser bekannt als Saint Patrick, und die Insel, die erst Schauplatz seiner Gefangenschaft war und später seine Hauptwirkungsstätte werden sollte, ist selbstverständlich Irland.

Hafen im Westen

Das Wirken Patricks hat im Laufe der Jahrhunderte zur Entwicklung verschiedenster Mythen und Legenden um seine Person geführt. So soll er durch eine Predigt alle Schlangen von der irischen Insel verbannt haben. Vierzig Tage soll er weiterhin fastend auf einer Bergspitze verbracht haben, um danach erleuchtet zurückzukehren. Dieser sagenhafte Berg liegt an der Westküste, direkt bei Westport im schönen County Mayo, und trägt den Namen “Croagh Patrick”. Einmal im Jahr, am letzten Sonntag des Juli, erklimmen Hunderte von Menschen traditionell den Gipfel; einige “echte” Pilgerer tun dies, wie der heilige Patrick, barfuß.

Das schöne Örtchen Westport ist ein beliebter Ausgangspunkt für Croagh Patrick Besucher

Wie ich selber feststellen musste, ist der Aufstieg jedoch alles andere als ein Sonntagsspaziergang. Vor allem, wenn man den Tag vorher 60 km die Küste entlang auf dem Great Western Greenway geradelt ist. Es waren immerhin ideale Bedingungen an dem Tag, kein Regen, aber auch nicht zu warm (wieder mal Glück gehabt mit dem Wetter) und ich hatte ein gutes Gefühl. Dieses ging sehr schnell über in innerliches Fluchen aufgrund der schweißtreibenden Arbeit gegen die Schwerkraft. Direkt vom Besucherparkplatz aus geht es recht steil den Berghang hinauf. Es war später Vormittag und viele Besucher waren bereits (manche mit Erleichterung im Gesicht) auf dem Rückweg. Während der erste Abschnitt auf die Schulter des Berges zwar Körner kostete, aber noch okay war, begann mit der zweiten Etappe die wahre körperliche Herausforderung. Der Gipfel von Croagh Patrick gleicht geometrisch einem spitzen Kegel, entsprechend ist der Weg hin zur Spitze steil und beschwerlich. Was ja eine gute Pilgerreise so an sich haben sollte. Tatsächlich liefen mir zwei barfüßige Wagemutige auf ihrem Pfad zur Erleuchtung über den Weg. Hut ab vor deren Einstellung; ich dachte nur daran, wie schmerzvoll jeder Schritt sein musste (gerade auf dem zweiten Abschnitt, welcher eigentlich nur aus scharfkantigem Geröll besteht) und dankte still der Person, die den Wanderschuh erfunden hat.

Oben dann endlich angekommen, belohnte das Dargebotene ohne Wenn und Aber. Ein fabelhafter Rundumblick auf die Bucht mit ihren unzähligen kleinen Inseln, die schroffe Küstenlinie in der Ferne, die diesigen Gipfel in der Nachbarschaft und das saftige Grün Richtung Landesinnere. Fantastisch! Kein Wunder, dass es St. Patrick hier vierzig Tage lang ausgehalten hat. Eine kleine Kapelle ist entsprechend gewidmet. Leider ohne Pub, wie eine Frau auf der Wanderstrecke scherzhaft bemerkte. Nach einer Erholungspause mit Snacks war es dann Zeit für die obligatorischen Erinnerungsfotos und auch schon bald danach für die Rückkehr ins Tal. Der Terminplaner drängte ein wenig; schließlich stand am Nachmittag noch die Zugfahrt nach Dublin an. Der Abstieg verlangte diesmal den Knien einiges ab, ging jedoch schneller von den Füßen als das Erklimmen. Bevor der Bus zurück nach Westport fuhr, zog es mich zum Ufer, um ein letztes Mal den Anblick des heiligen Berges einzusaugen.

Welcher Gipfel wohl als Nächstes wartet?