#11: 3 Punkte

Moin!

Habt ihr euch schon mal vorgestellt, wie es aussieht, wenn die Sportarten Fußball, Basketball, Rugby und Volleyball in einem Spiel miteinander kombiniert werden? Oder welche die schnellste Ballsportart ist, die die Menschheit etabliert hat? Bitte den Gedanken nicht verwerfen, er wird später noch wichtig.

Zunächst einmal zum universitären Geschehen am Campus des University College. Als Physiker im Chemie-Institut zu arbeiten fühlt sich längst nicht mehr so fremd wie zu Beginn an. Ich habe ein paar tolle Menschen kennengelernt, die alle mit den üblichen Fallstricken zu kämpfen haben, die mit der Arbeit im Wissenschaftsbetrieb verknüpft sind. Zeitbefristete Verträge, langfristige Perspektive, Arbeitspensum: alles kritische Fragen, die kein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Raum genießen. Aber auch wenn es hier und dort mal hakt, ob im Labor, bei der Datenauswertung oder beim Paper-Schreiben, gibt es ein Ventil, um Dampf abzulassen: Sport. Das Angebot hierüber fällt am UCD-Campus nicht zu knapp aus. Zahlreiche Outdoor-Felder, ein Fitnessstudio, eine Schwimmhalle, Tennisplätze, um einiges zu nennen. Nicht von schlechten Eltern. Ich konnte und kann dankenswerterweise daran teilhaben: sowohl an einer montäglichen Fußballgruppe als auch am vergangenen Sporttag der UCD Chemical Society. Letzteres war ein spaßiges Event bei knallender Sonne (was zum großzügigen Auftragen von Sonnenschutz führte, um nicht zum erneuten Mal in diesem Sommer einen Sonnenbrand einzukassieren). Bei verschiedenen Spielen wie Fußball, Frisbee-Zielschießen, Football-Weitwerfen und Rounders (eine Mischung aus Baseball und Tennis) hatte jeder im bunt zusammengewürfelten Team einen Moment zum Glänzen. Das Highlight am Ende: Ein Laborkittel- und Wägeschälchen-Rennen. Quasi Sackhüpfen und Eierlauf für Chemiker. Genial!

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Mayo for Sam

Dieser Ausspruch von Joe Biden bei seinem Irland-Besuch im Jahr 2023 war keine Aufforderung, einem bestimmten Samuel die beliebte Sauce für Pommes, Burger und Co. zu reichen. Mayo ist ein County (vergleichbar mit einem Bundesland) im westlichen Teil der Republik Irland. Insgesamt gibt es 32 Counties auf der irischen Insel, unterteilt in die 4 Provinzen Connacht, Leinster, Munster und Ulster. Und bei Sam handelt es sich um den Sam Maguire Cup, welcher an den Sieger des All-Ireland Senior Finals im Gaelic Football überreicht wird. Am 26. Juli reckte das Team aus Mayo ebenjene Trophäe gen Dubliner Himmel nach einem 1-20 zu 1-17 Triumph über das Kerry-Team im vollgepackten Croke Park. Die Ekstase kannte keine Grenzen. Die Mayo-Auswahl hatte vorher ganze 75 Jahre auf einen Sieg in der nationalen Liga warten müssen. Es gibt also mehrere Generationen an Fans, die ihr Team zum ersten Mal ganz oben sehen. Und hierzulande ist die Eroberung des Sam-Maguire-Pokals vergleichbar mit dem Gewinn der Champions League für Fußball-Fanatiker.

Warum also diese lange Wartezeit? Nun, alles begann mit dem letzten Erfolg der Mannschaft aus Mayo im Jahre 1951. Etwas zu überschwänglich wurde damals auf dem Weg von Dublin zurück in die Heimat gefeiert. Im gut angeheiterten Zustand haben die Spieler nicht auf ihre Umgebung geachtet und dabei eine Beerdigungsprozession aufgehalten; ein Verhalten, das Konsequenzen hatte. Der Priester verfluchte die Mannschaft, indem er prophezeite, dass Mayo keinen weiteren Titel einheimsen würde, solange ein Spieler aus dem 1951er-Team noch am Leben ist. So die Legende. Und wie es manchmal so ist, sollte sich die Prophezeiung bewahrheiten. Mal um mal schaffte es Mayo ins All-Ireland-Finale, nur um letztendlich (am Fluch?) zu scheitern. Dann, vor ein paar Jahren, schied der letzte Spieler aus der damals siegreichen Mannschaft dahin. Dieses Ereignis ist nicht nur mit Trauer bei einigen Mayo-Bewohnern verbunden gewesen, sagen makabere Stimmen. Nun, der Rest ist Geschichte…

Vielleicht haben die Mayo-Spieler damals auch einfach eine schwarze Katze die Straße überqueren sehen
Croke Park

Zurück zu den eingangs gestellten Fragen. Gaelic Football mutet auf den ersten Blick wie ein Experiment an, mehrere “bekanntere” Sportarten miteinander zu mixen. Auf einem rechteckigen Grass-Spielfeld (größer als ein Fußballfeld) treten 15 Spieler je Team gegeneinander an. Ziel ist es, am Ende des Spiels (Dauer von 70 Minuten mit einer Halbzeitpause nach 35 Minuten) mehr Punkte als der Gegner zu haben. Punkte können auf zwei Arten erzielt werden: entweder das volleyballgroße Spielgerät zwischen zwei sehr langen Pfosten zu befördern (wie beim Rugby) oder in einem fußballtorähnlichen Kasten unterzubringen. Der Ball darf dabei sowohl gekickt als auch mit der Hand oder dem Arm “geboxt” werden. Landet der Ball regulär zwischen den Pfosten, gibt es einen Punkt für die Mannschaft; gelingt dies ab einer bestimmten Distanz, sogar zwei Punkte, und endet ein Spielzug womöglich sogar mit einem allgemein bekannteren “Tor”, satte drei Punkte. Interessant ist dabei die Verkündung der Punktzahl: Ein Assistent hebt und winkt mit einer farbcodierten Flagge. Weiß signalisiert, dass der Stand der Mannschaft um einen Punkt steigt, Orange um zwei Punkte und Grün (das Tor) um drei Punkte. Soweit so gut. Etwas komplizierter wird es beim Befördern des Balls über den Platz Richtung gegnerischer Stangen. Mein bisheriger Kenntnisstand ist: Läuft ein Spieler mit dem Ball in den Händen los (Rugby), muss er entweder nach einer festgelegten Anzahl an Schritten zum Mitspieler abgeben (durch Ball-Kicken oder -Schlagen) oder den Ball einmal auf dem Untergrund aufkommen lassen (Dribbeln beim Basketball). Und jetzt wird es spannend. Der Ball darf nicht dauernd auf dem Boden geprallt werden, sondern muss zwischendurch auch gekickt werden. Und das immer schön im Wechsel, solange derselbe Spieler den Ball führt. Am besten mal bei YouTube oder so anschauen; sieht auf den ersten Blick einigermaßen amüsant, da ungewohnt, aus.

Und dann gibt es auch noch Hurling, die zweite gälische Sportart. Die entsprechenden Matches der nationalen Finalserie, also sowohl beim Gaelic Football als auch beim Hurling, werden übrigens ausschließlich im Croke Park in Dublin ausgetragen. Ein monumentales Stadion, wo in jeder Ecke die Tradition und der Stolz der Fans auf ihre Teams zu spüren sind. Dies durfte ich selber bei einem Besuch zusammen mit meinem Gastgeber Gil erspüren. Hurling ist auf jeden Fall sehr ähnlich dem Football-Pendant; es gelten dieselben Tore und Grundsätze, um Punkte zu erzielen. Nur haben die Spieler hier einen Holzschläger zur Verfügung, um den Ball über das Feld zu katapultieren. Gut getroffen, kann der Ball schon mal eine Geschwindigkeit von 180 Kilometern pro Stunde erreichen. Daher die Bezeichnung als schnellste Sportart der Welt. Es wird beim Trachten nach dem Ball nicht zimperlich miteinander umgegangen. Trotz Helmschutz können dabei der eine oder andere Zahn verloren gehen. Berufsrisiko.

Ein letzter Gedanke: Trotz aller Rivalität zwischen den Counties laufen alle Spiele sehr friedlich unter den Fans ab. Im Stadion können alle reibungslos nebeneinander ihr Team anfeuern. Klar, es wird geflucht, gehadert und gefeiert, alles aber ohne jegliche Handgreiflichkeiten. Wenn ich so an das Verhalten mancher Fußball-“Fans” denke, ist dies ein schönes Miteinander in einer Gesellschaft, die sich ohnehin immer weiter spaltet.