Moin!
Nichts geht doch über eine gute Geschichte. Egal, wie oft sie erzählt wird, sie zieht einen immer wieder in ihren Bann. Und hier und dort wird sie weiter ausgeschmückt, bis womöglich von der wahren Begebenheit nicht mehr viel übrig bleibt, aber an Dramatik einiges dazugekommen ist.
Als Beispiel hierfür kann die Geschichte von Walter Lynch und Gomez genommen werden, welche sich in der Stadt Galway im 15. Jahrhundert zugetragen haben soll. Die wohlhabende Lynch-Familie schickte den jungen Walter mit einem Schiff nach Spanien, um stabile Handelsbeziehungen aufzubauen. Walter hatte Erfolg und kehrte triumphal mit einigen Fässern Wein (von welchen der feierwütige Jungspund bereits ein paar auf der Rückreise geleert hatte) und seinem neuen Freund Gomez zurück nach Galway. Stolz auf seinen Sohn ließ das Familienoberhaupt und Bürgermeister der Stadt, James Lynch, eine große Feier organisieren, an welcher Walters Verlobte Agnes und auch Gomez teilnahmen. Der charmante, hübsche Spanier brauchte nicht lange, um die ungeteilte Aufmerksamkeit Agnes’ zu gewinnen. Der vor Eifersucht schäumende Walter stellte Gomez zur Rede, und es kam, wie es kommen musste: ein Kampf brach zwischen den beiden aus. Er endete am Fluss unterhalb des Torbogens der Stadtmauer (heute bekannt als The Spanish Arch), als Walter Gomez mit einem Messer niederstreckte.
Aufs bitterste enttäuscht und dem Gesetz verpflichtet, entschied sich Vater James zum Äußersten: seinen eigenen Sohn ohne Verfahren zum Tode zu verurteilen. Die Stadtbewohner sympathisierten jedoch mit dem jungen Walter und blockierten die Straßen, damit dieser nicht zum Galgen geführt werden konnte. In einer Kurzschlussreaktion zerrte Lynch Senior Walter zurück ins Haus und erhängte ihn eigenständig aus einem Fenster im obersten Stockwerk, gut sichtbar für die versammelte Meute. Gramgeplagt aufgrund seines Handelns, legte James Lynch alle seine Ämter nieder und verbrachte den Rest seines Lebens in Isolation.
Heute dient das Lynch Memorial Window (ein Fenster im ehemaligen Wohnhaus der Familie) als Erinnerung an diese Legende. Angeblich hat jeder Bewohner von Galway eine andere Version parat.
Von Riesen und Diebstählen
Neben solchen kleineren Legenden spielen auch die großen Mythen eine große Rolle in der irischen Erzählkunst. Viele haben bestimmt schon von den Feen, Leprechauns, Banshees, usw. gehört, die die Insel heimsuchen. Einige markante Landschaften sollen unter dem Einfluss dieser sagenhaften Gestalten entstanden sein. Der Giant’s Causeway im Norden, eine Formation aus stufenförmigen Basaltsäulen, ist etwa auf die riesenhafte Heldengestalt Fionn McCumhaill zurückzuführen. Beleidigt von seinem schottischen Rivalen Benandonner, schickte sich Fionn an, einen Damm nach Schottland zu bauen, um Benandonner zu einem Duell herauszufordern. Erschöpft von der tagelangen Arbeit, Felsstücke aus den Bergen herauszureißen und im Wasser zu platzieren, fühlte sich Fionn außer Stande, in diesem Zustand Benandonner gegenüberzutreten. Er hatte jedoch eine List vorbereitet: Als Benandonner über den Damm auf der irischen Insel ankam, fand er lediglich Fionns Frau und ein Baby vor. Er wurde gebeten, so lange zu warten, bis Fionn zurückkehrt und der Kampf zwischen den beiden beginnen kann. Desto länger Benandonner da saß und das riesenhafte Baby betrachtete, umso mulmiger wurde ihm bei der Vorstellung, welche gigantische Größe erst der Vater haben möge. Übermannt von seiner Angst entschied sich Benandonner schließlich den Rückzug anzutreten und den Damm sicherheitshalber hinter ihm zu zerstören. Was ihm entgangen war: Bei dem Baby handelte es sich lediglich um den verkleideten Fionn. So trug dieser aufgrund seiner Täuschung “den Sieg” davon und der Causeway bleibt bis heute als Relikt des einstigen Damms zwischen Irland und Schottland zurück.
Um Geschichten zu erzählen, braucht man sich natürlich nicht nur auf Mythen und Sagen zu berufen, sondern kann überall Inspiration finden. Wie etwa in der Kunst. Dies habe ich bei einer sehr inspirierenden Storytelling-Tour durch die Nationalgalerie in Dublin erfahren dürfen. Wenn ich eine Ausstellung besuche, geht es mir normalerweise so, dass ich von Werk zu Werk, von Gemälde zu Gemälde stapfe, mir so etwas denke wie “Ach, das ist ja interessant!”, mir vielleicht noch kurz den Begleittext durchlese und dann immer weiter, bis das Ende erreicht ist. Und wenn man sich mal umschaut, ist dies der gängige Modus. Die meisten betrachten die Kunst für sich selbst, in den eigenen Gedanken versunken. Bei der Storytelling-Tour wurde der Spieß mal umgedreht: Die vordergründige Idee war der aktive Austausch über ein Gemälde mit Fremden und dabei zusammen kreativ zu werden. Ein Beispiel: Zu dritt sollte jeder bei einem ausgewählten Gemälde sagen, was sie oder er gerne aus der dargestellten Szenerie klauen würde. Dabei mussten es nicht unbedingt Gegenstände sein, sondern es konnten auch das Aussehen und die Ausstrahlung von Figuren in dem Gemälde sein. Weitere solcher improvisierten “Experimente” folgten, etwa sich vorzustellen, man wäre selber der Künstler hinter einem Werk und müsste dieses nun den anderen Mitgliedern der Gruppe erklären und Fragen dazu beantworten. Echt coole Ansätze, um den Besuch einer Ausstellung abwechslungsreicher zu gestalten und die eigene Neugierde und Vorstellungskraft anzuregen.
Welche Geschichte möchtest du als Nächstes erzählen?






